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13.11.2016

Darum ist Deutschland ein Einbrecherparadies


André Schulz (Bundesvorsitzender, Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK)

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Anstieg der Wohnungseinbrüche: Wer trägt dafür die Verantwortung?

Gerade erst hat sich die Große Koalition auf Teile eines neuen Sicherheitspakets verständigt – dies sieht auch vor, Wohnungseinbrüche stärker zu bestrafen. Experten geht die Maßnahme nicht weit genug.

  • Die Verurteiltenquote bei Wohnungseinbrüchen liegt bundesweit bei 1 bis 3 Prozent
  • Wenig Verfolgungsdruck: Für die Täter ist Deutschland ein beliebtes Einbrecherland
  • Uns fehlt es bei der Polizei und der Justiz an Quantität und Qualität, um das zu ändern

Es ist mehr als der materielle Schaden. Es ist vor allem der Verlust des persönlichen Sicherheitsempfindens. Wohnungseinbrüche zerstören die Privatsphäre der Opfer – sie rauben den eigenen vier Wänden jegliche Intimität. So ist es kaum verwunderlich, dass die Statistiken bei der Bevölkerung Besorgnis erregen: Für das Jahr 2015 weist die Kriminalstatistik 167.136 Wohnungseinbrüche aus und damit 9,9 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Gleichzeitig – und das ist die eigentliche Dramatik hinter den Zahlen – liegt die Aufklärungsquote bei bundesweit 15 Prozent, die Verurteiltenquote sogar nur bei 1 bis 3 Prozent. Keine Zeugen, selten verwertbare Fingerabdrücke oder DNA-Spuren, ein gut strukturierter Absatzmarkt für die Beute: Kaum ein Delikt ist so schwer aufzuklären wie der Wohnungseinbruch.

Der Norden und der Westen Deutschlands sind besonders betroffen

Hinzu kommt, dass Deutschland bei internationalen Banden einen zweifelhaften Ruf genießt, auch diese machen ganz pragmatisch eine Kosten-Nutzen-Analyse. Mittlerweile hat sich herumgesprochen: Wer hier einbricht, dem passiert in der Regel nicht viel. Insbesondere Hamburg und Berlin haben mit der organisierten Kriminalität zu kämpfen. Aus Hamburg sind zahlreiche Fälle bekannt, in denen sich die Täter aus Chile und Peru einfliegen lassen, um hier tätig zu werden. Es lohnt sich für sie, und zu befürchten haben sie wenig: Selbst wenn sie festgenommen werden – vor Gericht hat die Indizienlage selten Bestand. Und Europa, so viele Vorzüge es auch hat, macht es nicht einfacher: Wir haben schon in Deutschland 16 inkompatible polizeiliche IT-Systeme – grenzüberschreitend sind die Kommunikation und der Austausch zwischen den Behörden aber noch um ein Vielfaches schlechter!

Das kann keinem gefallen: Weder der Politik noch der Polizei und besonders nicht der Bevölkerung, die sich vermehrt selbst um die Prävention kümmert. Diese Bemühungen sind durchaus wirkungsvoll, was man an den ständig steigenden Versuchszahlen ablesen kann – doch kann dies nicht die alleinige Lösung sein. Auch neue Gesetze nützen wenig. Die gerade verabschiedete Aachener Erklärung, bei der sich die zuständigen Minister von Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen sowie Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) mit ihren Kollegen aus Belgien und den Niederlanden auf eine engere Zusammenarbeit geeinigt haben, ist ein Schritt in die richtige Richtung, mehr aber noch nicht.

Fachwissen ist dringend nötig

Was wir wirklich brauchen, ist mehr Personal. Und damit meine ich gut ausgebildete Schutzpolizisten und vor allem für die Ermittlungen gut ausgebildete Kriminalbeamte in ausreichender Zahl. Die Polizisten sollen heute alles ein bisschen können und werden so zu Allroundern, denen es am notwendigen Fachwissen fehlt. Und dieses wäre insbesondere bei Wohnungsdelikten wichtig, denn Einbrecher sind in der Regel Serientäter. In zwölf Bundesländern lernen Kriminalbeamte ihre Fähigkeiten überwiegend nach dem Prinzip „Learning by Doing“. So kann eine erfolgreiche Kriminalitätsbekämpfung nicht funktionieren. Die Politik setzt derweil immer noch ihre eigenen Schwerpunkte, wägt Kosten und Nutzen ab und zieht für sich den Schluss: Der Schaden ist (immer noch) nicht hoch genug, das Sicherheitsgefühl der Bürgerinnen und Bürger immer noch nicht beschädigt genug, um endlich die richtigen Konsequenzen zu ziehen.

Das Nachsehen haben die Bürger. Und wir Polizeibeamte. Es muss endlich ein Maßnahmenkatalog her, damit diese Delikte nicht länger nur verwaltet, sondern die Täter ermittelt werden. Das hat seinen Preis. Aber sollten uns unsere Sicherheit und unsere Privatsphäre das nicht wert sein?

Quelle: „XING“ – Veröffentlicht: Freitag, 11. November, 00:30